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der Schütze

Der Pilger

Registrierungsdatum: 24. September 2003

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Montag, 6. August 2007, 10:35

Leo Slezak- meine sämtlichen Werke

Leo Slezak feierte einen weltweiten Erfolg als Opernsänger im Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert. Anlässlich seiner Beliebtheit wurde ihm daher nahgelegt, seine langjährigen Abenteuer auf den Bühnen dieser Erde in einer umfassenden Biographie für die Nachwelt fest zu halten. Es spricht alles für den herrlichen Humor Slezaks, dass seine “sämtlichen Werke” Sage und Schreibe nicht mehr, als 148 Seiten besetzen. In gehobener Sprache und neckischen Worten trägt Slezak seine schmunzelnden Leser von seiner Kindheit bis zum Höhepunkt seiner Gesangskarriere und begeistert auch jene Teilnehmer, die von der Oper keine Ahnung haben (ich spreche aus Erfahrung).
Da es sich bei diesem Buch zweifellos um ein heut zu tage selten gelesenes Werk handelt, nehme ich mir die Freiheit, eine etwas länger ausfallende Leseprobe zu veröffentlichen. Sollte euch der Zufall Slezaks “sämtlichen Werke” dennoch einmal in die Hände spielen, so scheut euch bitte nicht, es auch zu lesen. Ihr werdet es nicht bereuen!

{In London
... Das Nichtprobieren und Alles- dem- Zufall- Überlassen spielte naturgemäß oft arge Streiche. Unliebsame Überraschungen waren an der Tagesordnung. Als Inspizient fungierte ein Franzose, das heißt ein Mann, der grundsätzlich Französisch sprach. Da ich mich aber schon damals auf alle Dialekte ziemlich gut verstand und selber bereits in drei Sprachen jüdeln konnte, habe ich natürlich bald herausgebracht, dass unser stockfranzösischer Inspizient einen ziemlich heftigen Tarnopoler Einschlag hatte.
Dieser Inspizient hatte nun die Verpflichtung, in die Garderoben der Künstler zu gehen und ihnen mitzuteilen, dass die Vorstellung beginne. Dieser Aufgabe entledigte er sich derart, dass er in den Gang der Garderobe “Ca commence” hineinschrie und verschwand. Hatte man dieses “Ca commence” überhört, so war man erschossen. -
“Götterdämmerung!” Felix Mottl am Dirigentenpult. Der Vorhang hebt sich. Die Gibichungenhalle. Gudrun, Gunter und Hagen sollen auf der Szene um einen Tisch versammelt sein, und Gunter obliegt es, den beiden zu erklären, dass er hier am Rhein sitzt. Wer aber nicht saß, waren Hagen und Gunter.
Frau Reuß- Belce, die Gudrun, saß allein da und zeigte Mottl ein verzweifeltes Gesicht. Die Musik ging weiter, der Einsatz Gunters kam- von den beiden war immer noch nichts zu sehen. Mottl legte den Taktstock weg und brummte ziemlich laut in den Bart: “Sauwirtschaft, lausige.”
Die Pause dauerte einige Minuten, endlich, nicht zu erleben in solcher Situation, da stürzt Gunter in wilden Sprüngen zur Türe herein, und atemlos vom Laufen singt er: “So sitz ich hier am Rhein.” Nachdem auch Hagen mit schiefem Federbusch auf dem Helm, mit einigen Sätzen seinen Platz erreicht hatte, war wieder alles in Ordnung. Das Londoner Publikum genierte das nicht allzu sehr, weil es noch nicht da war. Denn in London wie auch in Amerika erscheinen die Leute gewöhnlich erst im zweiten Akt und gehen vor dem letzten Akt wieder fort.
Es gibt wenige Abonnenten, die genau wissen, wie die Opern enden. Einmal musste man wegen plötzlich eingetretener Heiserkeit des Hans Sachs den ganzen zweiten Akt der “Meistersinger” streichen. Die Logenabonnenten waren sehr erstaunt, dass Walter von Stolzing und das Evchen sich kriegen, die meisten waren der Meinung, dass sie in einem Kellergewölbe verhungern. Sie verwechselten es offenbar mit “Aida”.
Doch zurück zur “Götterdämmerung”. Ich trat als Siegfried mit Grane, dem edlen Ross, auf. Meine Frage: “Wo berg ich mein Ross?” beantwortete Hagen prompt mit: “Ich biet ihm Rast!”, nahm mir das halbkrepierte Einspännerpferd ab und wollte es in den altgermanischen Stall führen. Doch die Kulisse wies nur eine gemalte Stalltüre auf. In Wirklichkeit gab es keinen Eingang. Wohin jetzt mir der Schindmähre? Hinten floss der Rhein, dort ging`s nicht, also blieb kein anderer Ausweg übrig, als dass Hagen das Pferd in Gudruns Schlafzimmer führte. - ...}
der Schütze
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