Sie sind nicht angemeldet.

  • Anmelden

Calvin

Moderator/in

Registrierungsdatum: 4. Dezember 2005

Beiträge: 2 128

1

Donnerstag, 13. Juli 2006, 11:59

Breakdancen gegen Gewalt

Krasse Moves statt Schlägerei

Von Antonia Götsch

Anmachen, prügeln, abziehen: In Berlin-Wedding dreht sich alles um Respekt und um Gewalt. Chico, 37, war früher Gangmitglied und holt jetzt Jugendliche mit Breakdance von der Straße. Mazlum, Muardif und Denis haben keine Zeit zum Klauen - sie wollen Weltmeister werden.


Um die Beats zu hören, braucht Mazlum keine Musik. Er tanzt überall, auch auf dem harten Betonboden des U-Bahnhofs Wedding. Ein paar lockere Schritte im Takt, den der Zuschauer nur erahnen kann, dann kommt der Trick: Handstand, abdrücken, abheben, und dann folgen Drehungen in der Luft, bis den staunenden Fahrgästen schwindelig wird. "Die machen dicke Augen", sagt Mazlum und grinst zufrieden. Sein bester Kumpel hat alles mit dem Handy gefilmt.

"Voll krass", finden das Mazlums Freunde, als er das Video im Jugendzentrum Julateg vorführt, das nur ein paar Schritte vom U-Bahnhof entfernt liegt. Trotz Altbauten keine schöne Gegend: Auf den Parkbänken schlafen Alkoholleichen, eine Gruppe Jugendlicher führt riesige Hunde aus, die Besitzer haben ihr "Mach-mich-nicht-an-Gesicht" aufgesetzt.


BREAKEN GEGEN GEWALT: DIE "UNTOUCHABLES"


Klicken Sie auf ein Bild, um die Fotostrecke zu starten (5 Bilder).



Drinnen, im Trainingsraum, beugen sich sieben Köpfe über Mazlums Handy-Display. Dann plötzlich Schritte auf der Treppe. Das ist Chico. Die Jungs springen auf und legen los: zwei Schritte nach vorn, Fuß nach rechts, Sprung in die Hocke. Als der Trainer den Raum betritt, tun sie sehr erschöpft und völlig überrascht.

Chico begrüßt jeden einzeln. Seine Hand klatscht in die von Mazlum. Von hinten betrachtet könnten sie Brüder sein: der kräftige 17-Jährige und der drahtige Chico, 37 Jahre alt und mehr als einen Kopf kleiner. Beide dunkelhaarig, in weite Jeans und Sweatshirts gehüllt. Doch ein Wort des älteren Mannes reicht, um seine Tänzer, die "Untouchables", wieder auf die Plätze zu scheuchen: Mazlum, seinen 15-jährigen Bruder Ali und den gleichaltrigen Selim aus der Türkei, Ala, 16, dessen Eltern aus dem Libanon stammen, die 16-jährigen Bosnier Muradif und Avdo und den 14-jährigen Denis.

Weltmeister haben keine Zeit zum Klauen

"Los jetzt, wir haben nur noch drei Wochen bis zur Meisterschaft!" Zur HipHop-Musik gehen drei Tänzer in die Hocke und drücken ihre Körper vom Boden weg, auf nur einer Hand. Ihre Beine fliegen in die Luft und bleiben dort für zwei Sekunden: Ein sogenannter Freeze, bei dem die Jungs wie versteinert ausharren müssen. Chico schreit: "Konzentriert euch gefälligst, sonst gehe ich nach Hause." Die Fehler bei den Tanzschritten könnten im Wettkampf Punkte kosten.


Die "Untouchables" trainieren jeden Tag. "Vor drei Jahren war alles lockerer Spaß", sagt Mazlum, "aber jetzt träumen wir davon, Breakdance-Weltmeister zu werden. Bei den Berliner Titelkämpfen am 13. Mai waren sie die Jüngsten, belegten aber immerhin den sechsten Platz von elf Gruppen. Ihr nächstes Ziel ist die Newcomer-Meisterschaft am 2. September. "In spätestens zwei Jahren können wir auch den Profi-Titel holen", sagt Chico. "Die Jungs haben Talent. Aber ohne hartes Training wird das nichts."

Ein guter Breakdancer muss seinen Körper dem Willen unterwerfen. Es braucht viele Trainingsstunden, um sich wie ein Kreisel auf dem Kopf zu drehen. Darum hat ein Weltmeister in spe keine Zeit sich zu prügeln oder Jacken zu klauen. Das ist Chicos Idee. Mit Breakdance, dem Tanz von der Straße, hat er seine Jungs von eben dieser weggelockt. "Wenn wir tanzen, dann messen wir uns auf eine andere Art", erklärt er.

Und Chico weiß, was ein Battle ist. Eine Narbe am Rücken erinnert ihn an seine Zeit als Gangmitglied Anfang der neunziger Jahre. Fast wäre er nach einer Schlägerei am eigenen Blut erstickt. "Breakdance war mein Weg da raus. Wenn einer einen krassen Move gezogen hat, dann war die Sache klar, er bekam den Respekt."

Respekt - diese Botschaft zieht bei den Jüngeren. Insbesondere wenn Chico Dinge sagt wie: "Wir können meine Freunde von früher im Knast besuchen, dann wisst ihr, wo man landen kann." Im Wedding, wo alle "Untouchables" aufgewachsen sind, bekommen vor allem die Kleinkriminellen Respekt, der Bezirk wetteifert mit Neukölln um den miesesten Ruf. Mazlum hat früher andere verprügelt und "abgezogen". Er sagt immer noch: "Wir im Wedding sind die Härtesten." Aber er sagt auch Sätze wie: "Wenn du dich schlägst, dann haben vielleicht die Leute, die du gerade verhauen hast, Respekt. Aber seit ich tanze, kennen mich richtig viele Leute. Und wenn wir auftreten, dann gehen die Zuschauer voll mit."

Wer Drogen nimmt, fliegt raus

Im Jugendzentrum sind die "Untouchables" Vorbilder. Wenn sie trainieren, sitzen Acht- und Neunjährige am Rand und schauen zu. Und wenn so ein Knirps bittet: "Ey, noch mal Mazlum", dann hat der "Unberührbare" denselben Gesichtsausdruck wie ein Einser-Schüler, der vor der ganzen Klasse gelobt wird.

Ganz so gesittet geht es beim Training allerdings nicht immer zu. Muradif klaut Denis T-Shirt, der brüllt, weil er dessen Schweiß nicht an seinen Sachen haben will. Als Selim sein Solo tanzen soll, springt Avdo ins Bild, um sich in Szene zu setzen. Kaum ist ein Fotoapparat im Spiel, schubsen sich die Jungs gegenseitig aus dem Bild. Sie hungern nach Aufmerksamkeit. "Mit der Disziplin hapert es noch", sagt Chico. "Aber sie bauen immerhin keine richtige Scheiße mehr."

Das war mal anders. Bei den ersten Auftritten vor drei Jahren sei jedes Mal ein Handy verschwunden. "Immer waren es meine Jungs", sagt Chico. Er sagte alle Shows ab und ließ alle einen symbolischen Vertrag unterschreiben. Wer Drogen nimmt oder bei einer Straftat erwischt wird, fliegt sofort aus der Gruppe. Ein Tänzer musste deswegen bereits gehen.

"Ich halt' mich an die Regeln", sagt Mazlum und Chico bestätigt das. Mit ihm hat der 17-Jährige zum ersten Mal über Probleme zu Hause gesprochen, dass er den Vater ersetzen wollte, der schon lange eine neue Familie hat. Seinen kleinen Bruder Ali hat Mazlum mit zum Training geschleppt, "damit er nicht so wird" wie er. Der 15-Jährige hat es auf die Realschule geschafft. Mazlum hat, wie er selbst sagt, dafür zu viel Zeit vergeudet. Aber seit Chico seine Noten kontrolliert, geht er regelmäßig zum Unterricht. Im Sommer macht er den erweiterten Hauptschulabschluss.

Dennoch - ein Happy End lässt sich mit Mazlum in der Hauptrolle nicht erzählen. Eine Lehrstelle ist nicht in Sicht. Und auf die Frage, ob er sich seit dem Vertrag wirklich nie wieder geprügelt hat, sagt er ausweichend: "Ich hab nichts angefangen." Er lässt sich noch immer leicht provozieren. Aber inzwischen halten ihn seine Freunde fest. Und Mazlum lässt sich halten.

Quelle : www.spiegel.de


Ich hab den Bericht grad gelesen und da kam mir die Frage an euch ob ihr mit solchen Initiativen einverstanden seid oder findet ihr die Jugendlichen sollten lieber für das Bestraft werden,was sie tun,anstatt ihnen "spaß" zu bereiten...? Also zum Beispiel so "Drimmlager" in denen ihnen gezeigt wird,dass es nicht so geht,in denen halt mal härter mit ihnen geredet und umgegangen wird,sowas gibts ja auch...
Also ich finde solche Initiativen mit dem Tanzen oder weiß Gott,schauspielern toll...Es gibt den Jugendlichen wieder Hoffnung und Perspektive,denke ich...
..."Was kostet die Welt? ... Achso ... Hm. Dann nehm ich ne kleine Coke"
  • Zum Seitenanfang