[Sachbuch] Enderwitz, Ulrich - Antisemitismus und Volksstaat
Heute möchte ich ausnahmsweise ein Sachbuch vorstellen. Und zwar geht es um das Buch "Volksstaat und Antisemitismus" von Ulrich Enderwitz.
Dieses Buch behandelt die Genese des Antisemitismus, speziell in Bezug auf die funktionale Rolle des Antisemitismus.
Allgemein ist das Buch ein interessantes und gut leserliches Buch. Die Kernthesen sind einleuchtend und werden immer wieder kontextualisiert und neu aufgegriffen. Die Analyse ist sicherlich keine abschließende, weist aber auf spezifische Elemente hin, welche selten erwähnt werden.
Bevor ich grob die Hauptthesen andeuten will, möchte ich etwas zum Schreibstil loswerden. Der Autor schafft es zwar, wie erwähnt, die Thesen gut zu vermitteln, sein Stil hakt jedoch an einigen Stellen unangenehm.
So verwendet er unnötig lange Sätze und es fällt ihm schwer Atempausen zu setzen. Nicht einmal ein Semikolon holt etwas (gedankliche) Ordnung in die Sätze. Das macht manche Stellen nicht auf Anhieb verständlich.
Ferner ist seine Kontextualisierung stellenweise redundant. So weist er auf die Grundannahmen so häufig hin, dass es irgendwann seinen Sinn verliert.
Nun zu der groben Argumentation. Enderwitz gezt es darum, die Funktion, die der Antisemitismus im Stellvertreterkampf des Kapitalverhältnisses einnimmt, zu erläutern. Hier unterscheidet er drei verschiedene Judenbilder:
Den Burgjuden (a), den Hofjuden (b) und den liberalen Juden (c).
a) Das Bild des Burgjuden tritt mit der frühen Einführung des Kapitalismus ein. Dieser symbolisiert die Marktgesetze und den Zins, bzw. Händleranteil des Verkaufs auf dem Markt, der auf Kosten des produzierenden Bauern geht. Diese Bauern werden objektiv durch die Marktmechanismen benachteiligt, können aber nicht den offenen Konflikt mit dem Fürsten wählen, wählen also den "Händler" symbolisierenden Burgjuden als Objekt des Konflikts.
b) Mit der umfassenden Einführung des Kapitalismus entsteht ein Bürgertum, dieses tritt in Konflikt mit den Fürsten und Herrschern, welche das vermehrte Kapital in Genussgüter umsetzen. Sie stehen im Konflikt mit der calvinistisch/puritanischen Ethik der Bürgerklasse, welche die Selbstverwertung des Wertes anstrebt und nicht die Verwertung des selben im Sinne des Genusses. Da sie der fürstlichen Herrschaft trotz aller Dekadenz bedürfen, ist es für sie unmöglich die Herrscher direkt anzufeinden, sie wählen also den Umweg über den Hofjuden, welcher eben jene Dekadenz symbolisiert.
c) Mit der Überwindung der direkten Herrschaft, treten die Klassenkonflikte offen zu Tage. Die Problematik, die sich jedoch ergibt, ist die Sicherstellung der langfristigen Verwertbarkeit des Wertes. Diese ist nur gegeben solange die Klassenkonflikte beschwichtigt werden können. Hier wird eine Trennung notwendig, die die Kapitalistenklasse als Staatsbürger akzeptiert, jedoch als politische Vertreter des ungezügelten Kapitals ablehnen muss. Hier wird wiederum der Umweg über den Juden gegangen, welcher nun die liberale Seite des Bürgertums verkörpert. Diesmal ist es jedoch der Staat, welcher die Klassenkonflikte über das Bild des liberalen Juden, der seinen Eigennutz und nicht das wohl des "Ganzen" im Sinne hat, umleitet.
Über eine kurze historische Betrachtung der Konzepte um die dauerhafte Kapitalverwertung respektive die Abschwächung des Interessenkonflikts zu gewährleisten, leitet Enderwitz die Genese des Deutschen Sonderwegs, namentlich des Nationalsozialismus, ab. Ich mag hier nichts groß vorwegnehmen, außer dass seine Analyse sich sehr nahtlos in diese Thesen eingliedert. Er erklärt die nationalsozialistische Entiwcklung rein materialistisch, anhand der Rückständigkeit Deutschlands, welche die Genese des politischen Bürgertums komplett unterbunden habe, und ab diesem Punkt dauerhaft unterbinden "musste".
Insgesamt also ein spannendes und schnell zu lesendes Buch, welches aber sicherlich inhaltlich noch massiv ausgeweitet werden muss.
Herz voll Leid und Missgeschick,
Das voll sehnsucht Eden sucht,
Weine! - Oder sei verflucht!
Baudelaire